Hygieia und Asklepios: Von griechischen Göttinnen und göttlichen Ärzten

Eines der Gebote der Stunde lautet: Wascht Euch gründlich die Hände. Haltet sie sauber, befreit sie von den Viren, die darauf haften könnten.

Achtet auf Hygiene.

Aber woher stammt der Begriff der Hygiene? Und was hat es mit dem ärztlichen Symbol des „Schlangenstabs“ auf sich?

Holger Wienholz, Klassischer Archäologe und Museumsführer in der Antikensammlung der Berliner Museen, gibt mit diesem Gastbeitrag einen kleinen Einblick in die der Gesundheit und der Heilung geweihten Mythen und Heiligtümer der Antike.

Hygieia und Asklepios

Hygiene im römischen Reich

Hygiene bedeutet heutzutage Sauberkeit. Das Wort stammt aus dem Altgriechischen, da allerdings war Hygieia – Ὑγίεια – die Gesundheit. Und sie war eine Göttin.

Hygieia war die Tochter des Asklepios, des Gottes der Heilkunst. Im Lateinischen hieß der Gott Äsculap, und sein von einer Schlange umrankter Stab ist bis heute das Symbol des Gesundheitswesens.

Die Hygiene im Römischen Reich war bereits recht fortschrittlich: Der römische Gelehrte und Politiker Marcus Terentius Varro beschrieb seine Vermutung, dass Krankheiten durch „kleine Tiere, welche für das Auge nicht sichtbar sind“ hervorgerufen werden konnten. 

Zudem war bekannt, dass Quarantäne die Verbreitung von Infektionskrankheiten verhindern oder zumindest verlangsamen konnte.

Herkunft des Asklepios

Viele Geschichten ranken sich um Asklepios. Meist gilt Apollon als sein Vater, der noch in der Illias, der Geschichte vom Trojanischen Krieg, sowohl eine Seuche – nosos (manche Übersetzungen sprechen von der Pest) – ins griechische Heer brachte als auch verwundete Götter heilte.

Diese Aufgaben gingen später auf Asklepios über, der ursprünglich wohl ein sterblicher Heros war. Homer nennt ihn in der Illias einen unvergleichlichen Arzt, aber bezeichnet ihn nicht als Gott.

Erst später wurde Asklepios verehrt, obwohl sein Kult vielleicht alte Wurzeln hat. Er war auch schon sehr früh mit der Erde – die durch die Schlange symbolisiert wird – und mit Wasser verbunden.

Asklepios war demnach ein Enkel des Göttervaters Zeus, seine Tochter Hygieia damit die Urenkelin des olympischen Herrschers.

Holger Wienholz, Klassischer Archäologe, beschäftigt sich vor allem mit Antiker Architektur, Bauornamentik und antiken Steingefäßen.

Seit dem 4. Jahrhundert vor Christus entwickelte sich Asklepios, ausgehend von seinem berühmten Heiligtum in Epidauros auf der griechischen Halbinsel Peloponnes, zu einem der beliebtesten Götter. Hunderte Heiligtümer entstanden in der gesamten griechischen Welt. In Athen beispielsweise befand sich ein Heiligtum für Asklepios direkt am Fuß der Akropolis.

Der berühmte Arzt Hippokrates, in dessen Namen sich Ärzte bis heute dem Wohl ihrer Patienten verpflichten, wurde im Asklepiosheiligtum auf der Insel Kos von seinem Vater, der also ebenfalls Arzt war, ausgebildet. Die Familie soll von Asklepios selbst abstammen, so wurde erzählt.

Heiligtümer als Pilgerstätten für Kranke

Die Menschen pilgerten zu den Tempeln und den Heiligtümern, um dort Gesundheit zu erbitten, für eine Heilung zu danken, oft aber auch für eine ganz konkrete Behandlung. Dies zeigt sich oft in Reliefs, die Körperteile darstellen, deren Genesung gewünscht wurde.

In den Heiligtümern gab es spezielle Räume, in denen die Kranken schliefen, und dabei, so wird es immer wieder berichtet, erschien ihnen Asklepios im Schlaf.

In diesen Träumen bekamen die Kranken exakte Anweisungen zu ihrer Heilung. Oft waren dabei Bäder wichtig, in einigen Heiligtümern gab es durch natürliche Quellen gespeiste Badebecken. Daneben galten auch Bewegung und Diäten als wichtige Mittel zur Erhaltung oder Regeneration der Gesundheit.

In solchen Heiligtümern gab es nicht nur für Asklepios Tempel und Altäre, sondern meist auch für seine Tochter Hygieia, die ebenso wie ihr Vater figürlich dargestellt wurde.

Asklepios erscheint dabei stets als ein aufrecht stehender, bärtiger Mann in einem langen Mantel, der sich auf seinen Stab stützt, um den sich die Schlange windet.

Er sieht seinem Großvater Zeus damit ähnlicher als seinem Vater Apollon, der fast immer bartlos und als junger Mann gezeigt wird. Den langen Stab kennt man als Kennzeichen des griechischen Bürgers, der sich zum Beispiel beim Disput auf dem Marktplatz oder bei einer Volksversammlung darauf abstützen konnte.

Asklepius im römischen Reich

Auch in Rom fand Asklepios als Aesculapius Verehrung. Im Jahr 293 vor Christus, so erzählt es der römische Historiker Livius, wurde Rom von einer Seuche geplagt, und man schickte um Rat ins griechische Epidauros.

Von dort kehrten die Boten mit einer Schlange zurück, die in Rom vom Schiff kroch und sich auf die große Tiberinsel begab. Dort errichtete man dann dem Gott ein Heiligtum – noch heute ist dort ein Krankenhaus – und behandelte dort Kranke, die sich auf der Insel in einer Art natürlicher Quarantäne befanden.

Generell war auch im Römischen Reich Asklepius sehr beliebt, denn im Gegensatz zu vielen anderen Göttern, die dem Leid der Menschen eher gleichgültig gegenüberstanden, gab er Hoffnung.

Der Pergamonaltar

Das berühmteste Heiligtum befand sich in der griechischen Stadt Pergamon, der Heimat des berühmten Pergamonaltares und des berühmten Arztes Galen, der ein Leibarzt der Kaiser Marc Aurel, Commodus und Septimius Severus war.

Etwas außerhalb der Stadt Pergamon befand sich eine große Anlage mit Tempeln, Theater, Schlafräumen, Badebecken und einer luxuriösen Latrine. Es war das Bad Ischl der Antike – wer in der römischen Oberschicht etwas auf sich hielt, reiste nach Pergamon. Der Redner Aelius Aristides erzählt darüber ausführlich.

In Pergamon wurde Asklepios sogar als Weltenherrscher verehrt und mit dem Göttervater Zeus verschmolzen.

Antike Vorstellungen und Christentum

Zeus aber war, der griechischen Sage nach, nicht glücklich darüber, daß Asklepios sogar Tote wiederzuerwecken vermochte, und so erschlug er ihn mit seinem Donnerkeil. Erst dieser Tod war die Voraussetzung dafür, daß Asklepios dann unter die Götter versetzt wurde.

Auch der griechische Held Herakles mußte zunächst sterben, bevor er ein Gott wurde.

Diese verbreiteten antiken Vorstellungen gehören wohl zum späteren Christusbild, der durch das Sterben am Kreuz den Tod besiegte. Und auch er heilte Kranke und ließ Tote auferstehen.

So stand auch er in der Tradition des griechischen Heilgottes Asklepios.

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