Ausgangssperren, Frühlingssonne und der Blick zurück

Blick von hinten auf eine Gruppe junger Leute die spazieren gehen

Die Faktenlage ist klar: Das Coronavirus breitet sich ungehemmt aus. Geht es so weiter, führt das innerhalb der nächsten Wochen und Monate zu einer massiven Überlastung des Gesundheitssystems. Hunderttausende würden sterben, unsere bisher so selbstverständliche Sicherheit, im Notfall medizinisch versorgt zu werden, wäre dann nicht mehr gegeben. Um das zu verhindern, scheinen strengere Ausgangsbeschränkungen unausweichlich.

Trotz aller Warnungen, Bitten und Empfehlungen von allen Experten und Regierungen sind viele Menschen in Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland nicht bereit, sich freiwillig in ihrer Bewegungsfreiheit einzuschränken.

Zu beobachten ist das auch in Darmstadt jeden Nachmittag, jedes Wochenende, spätestens wenn die Frühlingssonne lockt: Es wird in Gruppen spazieren gegangen oder in den nächsten Park.

Doch die Lebensfreude und der Überschwang, der zu einem normalen Frühling dazu gehört, hat dieses Jahr einen bitteren Beigeschmack. Ältere Menschen und chronisch Erkrankte sind die ersten, die sich nicht mehr wie sonst darüber freuen können, dass diese Jahreszeit uns alle verjüngt und nach draußen drängt.

Für jene, denen das Leid, das Krankheit und Tod mit sich bringen, bewusster ist, scheint der Preis, sich jetzt entgegen unseres Verlangens nach Gesellschaft, nach Sonne und Feiern einzuschränken klein, im Vergleich zum vermeidbaren Leid vieler.

Ich persönlich kann sehr gut nachfühlen, wie schwer es ist, auf die normalen Aktivitäten und Kontakte zu verzichten. Ich liebe es draußen in der Natur zu sein. Aus diesem Grund habe ich Biologie mit Schwerpunkt Ökologie studiert. Und auch wenn ich kein extrem geselliger Mensch bin, leide ich, wenn ich längere Zeit ohne engere Kontakte bin.

Und wenn ich an jüngere Menschen denke, die noch viel mehr voller Energie und Drang zum Unterwegssein stecken, an Familien mit Kindern, die in ihrer Wohnung ohne Balkon oder Garten sitzen – dann kann ich sehr gut verstehen, warum Parks und öffentliche Plätze immer noch gut besucht sind.

Aber auch wenn die meisten Corona-Erkrankten wieder gesund werden – niemand möchte sich selbst oder liebe Freunde oder Familienmitglieder in der Situation wissen, keine medizinische Hilfe im Notfall zu bekommen.

Menschen, die bereits jetzt regelmäßig auf Medikamente und ärztliche Behandlungen angewiesen sind, wissen, was es bedeuten kann, wenn unser medizinisches Sicherheitsnetz nicht mehr funktioniert.

Deutschland hat aktuell über 18.000 (stand 21.3.2020, Quelle Robert-Koch-Institut) bestätigte Coronavirus-Infizierte – und steht damit nach Italien und knapp hinter Spanien an dritter Stelle der am meisten betroffenen Länder in Europa.

Was in Frankreich, Italien und Spanien Realität ist, wird wohl auch auf uns in Darmstadt zukommen: Eine Überlastung des Gesundheitssystems – und, um dem entgegenzuwirken, eine strengere Ausgangsbeschränkung.

Dann haben wir keine Wahl mehr. Dann werden gerade kinderreiche Familien in kleinen Wohnungen neben jenen, die alleine leben und auf Versorgung und Besuche durch andere angewiesen sind, am meisten unter den Einschränkungen zu leiden haben.

Aus meiner Sicht sind unsere gewählten politischen Vertreter in Berlin und Darmstadt bisher überwiegend vernünftig und verantwortlich mit der schwierigen Situation umgegangen. Von der Welle an Hilfsbereitschaft und Solidarität gerade in Städten bin ich positiv überrascht – und auch in unserer Hausgemeinschaft wurden Zettel mit Hilfsangeboten aufgehängt.

Das macht Hoffnung. Und auch wenn die Ausgangssperre Realität wird, um den leider noch zu großen, uneinsichtigen Teil der Bevölkerung zur Solidarität zu zwingen – dann hoffe ich dass wir weiterhin füreinander da sind.

Wir dürfen in all der Unsicherheit und den Veränderungen, die auf uns alle zukommen, nicht vergessen, dass wir das Glück haben in einem Staat und in einer Zeit zu leben, wo diese Freiheiten, die wir zeitweise aufgeben müssen, selbstverständlich erscheinen.

Wir leben in einer Zeit, in der wir damit rechnen können, dass WissenschaftlerInnen in aller Welt zusammen arbeiten, um in Rekordzeit bessere Behandlungsmöglichkeiten und Impfungen zu entwickeln.

Wir leben in einer Zeit wo der Verzicht auf persönliche Kontakte nicht zu absoluter Isolation führt – wir haben wie nie zuvor die Möglichkeit, über soziale Netzwerke, Videochat und Messenger Beziehungen zu pflegen und sogar neue Menschen kennen zu lernen.

Den Blickwinkel zu verändern, auf das zu schauen, was wir haben und nutzen können anstatt auf das, was nicht mehr geht, wird in den nächsten Monaten sehr wichtig sein.

Und anstatt auf den Berg vor uns zu starren oder einfach weg zu sehen, können wir das Geschehen, das vor uns liegt, aus der Zukunft betrachten.

Es wird sich manches verändert haben wenn wir die Coronavirus-Krise hinter uns haben. Und nicht alles wird schlecht sein. Wir werden Gewohntes vermissen, vielleicht werden sich unsere Wohn- und Arbeitssituation verändert haben – aber wir werden wissen, wer und was wirklich wichtig ist.

Wenn wir im nächsten Frühling auf all das zurückblicken, was sich verändert hat und was wir trotzdem geschafft haben, wird das ein besonderer Frühling sein. Vielleicht der bemerkenswerteste in unserem Leben.

Zum Weiterlesen:

Warum gehen immer noch so viele Menschen aus? spektrum.de

Wie schön euch nicht zu sehen spektrum.de

Persönliche Kontakte vermeiden – lebensnotwendig für unser Gesundheitssystem

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