So etwas gab’s noch nie?! Seuchen und Pandemien vor 100 Jahren

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus kam für die meisten Länder und deren Bevölkerung überraschend. Viele von uns, mich eingeschlossen, können sich nicht erinnern, etwas Ähnliches erlebt zu haben. Aber auch wenn wir in Europa in den letzten Jahrzehnten von größeren Pandemien verschont geblieben sind: Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte der Seuchen.

Seit wir vom Jäger- und Sammlertum abkamen und sesshaft wurden, stieg die Bevölkerungsdichte an. Die Tiere, die uns Nahrung und Felle lieferten, die uns halfen, unsere Arbeit zu erleichtern, brachten ihre eigenen Parasiten mit. Vorratshaltung lockte Ratten und Mäuse an. Durch Handelswege wurden seither nicht nur Waren transportiert – sondern regelmäßig auch Krankheitserreger.

In großer Zahl bevölkern wir inzwischen auch Ökosysteme und Regionen, die zuvor nur eine Handvoll Menschen ernähren konnten.

Die Entwicklung unserer Zivilisation ist auch der Beginn der großen Seuchen, die nicht mehr nur einzelne Familien und Gruppen, sondern ganze Völker und Kontinente peinigten.

Die „berüchtigste“ Seuche ist sicherlich der schwarze Tod. Der Pesterreger Yersinia pestis, ein Bakterium, das in Rattenflöhen vorkommt, hat über viele Jahrhunderte hinweg den Menschen Tod und Leid gebracht. Glücklicherweise müssen wir heute, dank der Verbesserung der Hygiene und der Entwicklung von Antibiotika, diese Erkrankung kaum noch fürchten.

Die Ursache von Infektionskrankheiten war lange völlig unbekannt. Wahlweise wurden einzelne Bevölkerungsgruppen, ein strafender Gott, giftige Ausdünstungen oder Magie verantwortlich gemacht.

Genauso wenig wusste man sich zu schützen: Eine Pestepidemie begann meist mit der Totenwache an den ersten Verstorbenen – und unzählige Frauen verloren ihr Leben durch Infektionen bei der Geburt ihres Kindes, nur weil Ärzte sich nicht die Hände wuschen.

Auch wenn es bereits in den Jahrhunderten vor Christus Theorien über die Entstehung und Verbreitung von ansteckenden Krankheiten gab: Die Geschichte der wissenschaftlichen Erforschung und damit auch der erfolgreichen Behandlung und Prävention begann Anfang des 19. Jahrhunderts mit der Entdeckung und wissenschaftlichen Erforschung von Bakterien durch Robert Koch und Luis Pasteur.

Nachfolgend gebe ich einen Überblick über einige Pandemien der letzten 150 Jahre, über Gemeinsamkeiten und Unterschiede zum neuartigen Coronavirus.

1889–1890: Russische Grippe

Die Russische Grippe war eine schwere Influenza-Epidemie, die sich von Zentralasien über Russland nach Europa ausbreitete. Weltweit starben bis zu einer Million Menschen, in Europa etwa 250.000.

Vor allem Säuglinge und ältere Menschen starben bei einer Infektion mit der Russischen Grippe. Das Coronavirus CoV-2 ist ebenfalls für Ältere besonders gefährlich – Kinder und Säuglinge sind dagegen kaum gefährdet.

Der Erreger der Russischen Grippe war ein Influenza-Virus. Viren waren damals noch nicht bekannt, und so konnten Ärzte keine hilfreiche Behandlung durchführen. Auch dem neuen Coronavirus steht die heutige Medizin noch recht hilflos gegenüber: Die einzige Behandlungsmöglichkeit liegt im Lindern der Symptome, bis das Immunsystem die Erkrankung selbst besiegt.

Genau wie die globale Vernetzung über den Flugverkehr eine große Rolle bei der Ausbreitung des Coronavirus spielt, war es 1889 erstmals die Eisenbahn, die den Auslöser einer Seuche schnell von Asien nach Europa brachte.

Ab 1896: Dritte Pest-Pandemie

Im Gegensatz zum letzten größeren Ausbruch der Pest 1820 auf Mallorca traf die dritte große weltweite Pest-Welle Europa nur wenig. Insgesamt jedoch wurden 12 Millionen Menschen Opfer dieser Pandemie.

Erreger und Übertragungsweg. Der Pesterreger ist ein Bakterium, kein Virus. Übertragen wird das Bakterium über Flöhe – anfangs durch den Rattenfloh, danach auch von Mensch zu Mensch durch den Menschenfloh. Eine Form der Pest, die Lungenpest, kann auch direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden.

Im Gegensatz zu anderen Erkrankungen traten Pest-Epidemien nie im Winter auf, da im Winter weniger Bakterien in den Ratten und auch weniger Rattenflöhe vorhanden sind.

Vor allem die hohe Sterblichkeitsrate von bis zu zwei Dritteln der Bevölkerung einer Region oder eines Ortes machte die Pest zu einer gefürchteten Seuche. Beim Coronavirus liegt der Anteil der Todesfälle bei nachgewiesener Infektion in Europa bei etwa 1-12 % (da nicht großflächig getestet wird, ist es schwierig, genaue Aussagen zur Sterberate zu machen – wahrscheinlich liegt die tatsächliche Sterberate aber unter einem Prozent).

Die Pest tritt auch heutzutage noch auf, da sie in Nagetierpopulationen überdauert. Wird schnell genug mit Antibiotika behandelt, ist die Überlebenschance gut.

Es war übrigens ein Arzt aus Hessen, der 1568 die vermutlich erste medizinische Dissertation über die Pest schrieb.

1918–1920: Spanische Grippe

Die aktuelle Coronavirus-Pandemie wird oft mit der Spanischen Grippe verglichen. Dieses Grippevirus verbreitete sich gegen Ende des ersten Weltkriegs. Die neue Seuche wurde zunächst aufgrund der Kriegsereignisse und der Propaganda in der Bevölkerung nicht bekannt. Spanien hatte als neutrales Land eine freiere Presse, und so kamen die ersten Nachrichten über die neue Erkrankung von dort. Wahrscheinlich wurde sie aber ursprünglich von Frankreich aus verbreitet.

Die engen Verhältnisse in den Schützengräben und die kriegsbedingten Menschenbewegungen sorgten für eine schnelle Verbreitung.

Die Spanische Grippe war ein Influenzavirus, das besonders für 20- 40-jährige gefährlich war – ungewöhnlich für ein Grippevirus, das sonst eher bei Kleinkindern und älteren Menschen die Sterblichkeitsrate erhöht – und auch im Unterschied zum Coronavirus, wo mit höherem Alter das Risiko, am Virus zu sterben, stark erhöht ist und junge Menschen oft nur geringe Symptome haben.

Das Virus der Spanischen Grippe stammt vom Vogelgrippevirus ab. Es brauchte nur wenige Mutationen, um sehr ansteckend und gefährlich zu werden. Aus diesem Grund ist eine zukünftige Pandemie durch ein mit der spanischen Grippe verwandtes Virus sehr wahrscheinlich.

Die Sterblichkeitsrate war mit 5-10 % ähnlich hoch, wie wir das heute in schwer betroffenen Ländern und Regionen beim Coronavirus beobachten. Wie bereits erwähnt, lässt sich jedoch die tatsächliche Sterblichkeitsrate der aktuellen Pandemie noch nicht genau eingrenzen – sie ist wahrscheinlich niedriger.

Die Symptome und der Krankheitsverlauf waren grippetypisch mit raschem Beginn und schneller Verschlechterung des Befindens – anders als beim Coronavirus, wo sich der Zustand des Erkrankten über Tage und Wochen schleichend verschlechtert.

Genau wie beim Coronavirus war die größte Gefahr und die häufigste Todesursache eine schwere Lungenentzündung durch eine Begleitinfektion mit Bakterien.

Die Erholungsphase von der Spanischen Grippe dauerte oft viele Wochen, wobei eine Art schwere Fatigue (Müdigkeit, Erschöpfung) und niedergeschlagene Stimmung bis hin zu Depressionen typisch waren.

Beim neuen Coronavirus weiß man noch nicht sicher, wie es Erkrankten nach einer überstandenen Infektion weiterhin geht, ob und welche Nachwirkungen auftreten können.

Insgesamt starben 50 Millionen Menschen an diesem neuartigen Grippevirus.

In den folgenden Jahrzehnten traten immer wieder Grippe-Pandemien mit unterschiedlicher Gefährlichkeit und Verbreitung auf. Grippeviren mutieren sehr schnell und können so nach recht kurzer Zeit denselben Menschen erneut infizieren .

Umgang mit Pandemien damals und heute

Im Vergleich zu den Menschen vor 200, 100 oder auch 20 Jahren haben wir einen großen Vorteil: Unsere Wissenschaft ist dank moderner DNA-Sequenzierungsmethoden sehr weit fortgeschritten und schnell im Identifizieren des Erregers einer neuen Pandemie.

Auch unsere Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung und Kommunikation sind einzigartig in der Geschichte. WissenschaftlerInnen können sich live austauschen, genauso wie ich aus meinem isolierten Zimmer heraus mit der Nachbarin nebenan chatten und mir Hilfe organisieren kann.

Unsere Presse ist recht frei und wir befinden uns nicht in einem Weltkrieg – oder kalten Krieg.

Zumindest wir in den Industrieländern können die Hoffnung haben, dass wir, wenn wir die Ausbreitung des Virus genügend verlangsamen und RisikopatientInnen besonders schützen, viele Menschenleben retten können, sobald Medikamente und Impfstoffe zur Verfügung stehen.

Genau wie damals kursieren auch heute die verschiedensten (Verschwörungs-)theorien über die Entstehung der Seuche. Aber die einfachste Erklärung ist meist auch die Wahrheit:

Alles, was zur Entwicklung unserer modernen Zivilisation geführt hat, die Bevölkerungsdichte, das Vordringen in neue Ökosysteme, die Vernetzung über Handelswege – hilft gleichzeitig auch unseren Krankheitserregern sich zu entwickeln und sich so effektiv zu verbreiten wie nie zuvor.

Zum Weiterlesen

Pestausbruch auf Mallorca – Weather.com, 16.2.2020

Weiterführende Wikipedia-Artikel

Geschichte der Infektionskrankheiten
Artikel zur dritten Pest-Pandemie
Artikel zur Russischen Grippe
Artikel zur Spanischen Grippe

Dieser Artikel zur Geschichte der Seuchen in Europa wird regelmäßig erweitert und aktualisiert. Stand: 7.4.2020

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