Wohnprojekt AGORA: „Auf den ersten Blick ist es gespenstisch still“

Gemaltes Bild: Boot mit vielen Menschen, auf dem Segel steht AGORA

Markus Lang ist Mitglied im Gemeinschafts-Wohnprojekt AGORA am Darmstädter Ostbahnhof. Außerdem ist er ehrenamtlich bei Radio Darmstadt aktiv. Ich habe mit ihm darüber gesprochen, ob und wie sich das Miteinander in der Gemeinschaft durch die Krise verändert hat.

Was hat sich persönlich im Alltag für dich verändert seit Beginn der Corona-Krise?

Mh… eigentlich gar nicht so viel, ich gehe arbeiten, mache ein paar Einkäufe im Supermarkt und werkle Zuhause noch ein wenig herum, bis ich dann müde ins Bett falle.

Aber natürlich, bei genauerer Betrachtung ist doch einiges anders in meinem persönlichen Umfeld.

Euer Gemeinschaftsprojekt lebt ja vom Zusammenkommen der Menschen, von Veranstaltungen und Begegnungen….

Tja, wenn ich nach Hause komme herrscht bei AGORA auf den ersten Blick jetzt gespenstische Stille. Wo sonst alte und junge Mitbewohnerinnen und -bewohner und deren Kinder herumwuseln, sieht man jetzt fast niemanden mehr. Unser Lokal ist seit Mitte März geschlossen, die Seminarräume sind verwaist und auch in den Sälen finden keine Veranstaltungen und Feiern mehr statt.

Irgendwie ein deprimierender Zustand.

Markus Lang wohnt im Gemeinschaftsprojekt AGORA am Darmstädter Ostbahnhof

Erst auf den zweiten Blick gibt es noch Aktivität. Allerdings spielt sich vieles hinter den Wänden unserer Häuser ab. Digital vernetzt kommunizieren wir und hoffen auf bessere Zeiten. Auch gemeinsame Sing-Aktionen über die Balkone der Wohnungen hinweg funktionieren wunderbar.

Vor ein paar Tagen wurden deutschlandweit weitere Ausgangsbeschränkungen beschlossen. Was denkst du persönlich darüber?

Ich bin kein Epidemologe und kann dementsprechend nicht über die Wirksamkeit der Maßnahmen urteilen. Meine Sorge gilt eher der Zeit nach der Corona-Krise.

Es werden Gesetze und Verordnungen erlassen, die uns vor der Ansteckung mit dem Virus schützen sollen, die dafür sorgen sollen, dass die Ausbreitung sich verlangsamt, die aber letztlich doch sehr in die Persönlichkeitsrechte eines jeden Einzelnen eingreifen.

Nach dem Ende der Pandemie ist wirklich genau darauf zu achten, dass unsere Grundrechte voll umfänglich wiederhergestellt werden.

In Zeiten der Abschottung, auch und gerade durch Nationen, bleibt zu hoffen, dass wir wieder zurück auf den Weg der Öffnung und Zusammenarbeit finden.

Familien mit Kindern würde eine noch strengere Ausgangssperre, wie aktuell in Spanien, besonders hart treffen. Habt ihr bei AGORA Möglichkeiten, euren Kindern zusätzlichen Raum zum Spielen und Toben bereit zu stellen?

Die Kontaktsperre trifft Familien mit Kindern bereits jetzt sehr stark. Glücklicherweise können die Kinder auf unseren Freiflächen toben – hier gibt es vieles zu entdecken und zu bespielen – oder im Park Rosenhöhe auf Entdeckungsreise gehen.

Wenn ein Tapetenwechsel gebraucht wird, steht Familien ein separater Familienraum mit viel Spielzeug zur Verfügung, falls ihnen in der eigenen Wohnung die Decke auf den Kopf fällt.

Eine noch weitergehende Einschränkung ist für Familien mit Kindern kaum noch vorstellbar.

Funktioniert die Solidarität, jetzt, in dieser Ausnahmesituation, so wie ihr euch das bei Gründung des AGORA-Projekts vorgestellt habt?

Ja. Ich kann natürlich nur aus meiner Perspektive berichten, aber ich bin ganz begeistert von der Unterstützung und der Solidarität innerhalb der Gemeinschaft. Es werden gemeinsame Lebensmitteleinkäufe organisiert, Fahrten zu Postämtern und Ärzten gemanagt.

Kleine Buchläden erhalten von uns momentan Sammelbestellungen, damit die Umsätze nicht total in den Keller gehen.

Vieles läuft derzeit auf digitalem Wege, aber auch persönliche Absprachen werden getroffen, dann aber immer unter Einhaltung der notwendigen Sicherheitsmaßnahmen. Kontakte werden gepflegt und sich um den Anderen gekümmert.

Wie siehst du die Zukunft solcher Gemeinschaftsprojekte wie AGORA, auch nach der Krise?

Ich denke, dass solche Einrichtungen wie Agora durch die Corona-Krise weiterhin Auftrieb erhalten werden.

In Darmstadt gibt es ja schon zahlreiche Projekte, die momentan durchstarten. Einen Überblick gibt es auf wohnprojekte-darmstadt.de.

Du bist nicht nur in der AGORA-Gemeinschaft sondern auch ehrenamtlich bei Radio Darmstadt aktiv. Habt ihr spezielle Sendungen zum Thema, was hat sich bei euch durch die Krise verändert?

Bei Radio Darmstadt, unserem Bürgerradio, gibt es zur Zeit noch keine spezielle Sendung zum Thema Corona.

Hier wird, je nach Sendung und Redaktion, mal mehr, mal weniger über das Thema informiert.

Aber da wir für neue Sendende offen sind, vielleicht findet sich ja über diesen Weg eine Person, die Zeit und Lust mitbringt, sich mit einer täglichen Sendung diesem Thema zu widmen?

Hilfestellung von Seiten des Vereins ist garantiert, versprochen.

Ansonsten muss sich Radio Darmstadt wie alle anderen Veranstaltungsstätten an die Vorgaben zum Schutz vor Ansteckung von Corona halten, das heißt momentan sollen sich maximal zwei Personen pro Sendung in den Räumen aufhalten.

Wenn möglich soll die Sendung sogar vorproduziert und dann per Stream auf unseren Senderechner eingespeist werden.

Wenn sich alle an die Vorgaben halten, sollte der größtmögliche Schutz vor Ansteckung gewährleistet sein.

Gibt es noch etwas, dass du Lesern des Corona-Darmstadt-Blogs sagen möchtest?

Auch wenn schon viele Leute nach den ersten Tagen der Einschränkungen stöhnen, wir werden wohl noch eine ganze Weile damit leben müssen.

Hoffen wir, dass sich die Situation spätestens in der zweiten Jahreshälfte wieder soweit entspannt, dass wir zu einem normalen Lebensrhythmus zurückkehren können.

Zum Weiterlesen

Deutscher Ethikrat: „Freiheitsbeschränkungen müssen kontinuierlich geprüft werden“ Artikel vom 27.3.2020 auf Spektrum.de

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