Risikogruppen schützen und „Rückkehr zur Normalität“?

Wer gehört eigentlich zur Risikogruppe? Klar, alte und kranke Menschen. Oder Menschen die alt und krank sind. Ab welchem Alter? Und welche Erkrankungen? Bluthochdruck? Diabetes? Asthma? Eingeschränkte Mobilität durch Behinderung und andere Erkrankungen? Neurodermitis-Patienten, die allgemein bei Virusinfektionen ein höheres Risiko eines schweren Verlaufs haben? Je nach Definition ist die Risikogruppe ein ziemlich großer Anteil der Bevölkerung in Deutschland. Alle zu schützen wird schwierig, sollten die Einschränkungen in nächster Zeit deutlich gelockert werden.

Chronische Erkrankungen sind nicht selten

Ich selbst bin chronisch erkrankt und gehöre vielleicht auch zu den Menschen, die ein größeres Risiko eines schweren Verlaufs habe.

Damit bin ich nicht alleine: Es gibt neben älteren Menschen, bei denen die Mehrzahl unter mindestens einem Risikofaktor wie z. B. Bluthochdruck leiden, auch sehr viele junge Menschen mit Krankheiten und Behinderungen die das Risiko bei einer Coronainfektion erhöhen.

Und wenn ein Mensch, der schon mit seiner chronischen Erkrankung zu kämpfen hat, aber alles tut, um trotzdem Lebensfreude, Zufriedenheit und Heilung zu erleben, an Corona schwer erkrankt oder stirbt – ist das weniger tragisch, als wenn es einen Gesunden trifft, der bisher keine gesundheitlichen Probleme hatte?

Und sind die zehn Jahre, die ein 75jähriger ohne eine Coronainfektion wahrscheinlich noch gelebt hätte, nichts wert?

Und wer hat nicht zumindest ein Familienmitglied oder FreundInnen, die an einer chronischen Erkrankung leiden und/oder über 50 sind?

Wie viele Menschen gehören zur Risikogruppe?

In Hilfsnetzwerken und von anderen Institutionen wird meist der Einfachheit halber davon ausgegangen, dass zur Risikogruppe vor allem Menschen ab 60 oder 65 gehören. Das Robert-Koch-Institut spricht davon, dass ab 50-60 Jahren das Risiko eines schweren Verlaufs ansteigt.

Wenn man dieser vereinfachten Annahme folgt, gehören zur Risikogruppe in Deutschland schon etwa 20 Millionen Menschen.

20 Millionen! Das ist ungefähr ein Viertel der ganzen Bevölkerung.

Und was ist mit chronisch kranken jüngeren Menschen? Menschen mit so weit verbreiteten Risikofaktoren wie Herzerkrankungen, Asthma, Neurodermitis oder Diabetes?

Auch stärkeres Übergewicht könnte ein Risikofaktor sein.

Nimmt man nur einige dieser Gruppen mit dazu, kommt man sicher bald auf ein Drittel der Bevölkerung, die wir komplett isolieren müssten, wenn wir die Kontakteinschränkungen lockern.

Und nicht nur isolieren – all diese Menschen müssten versorgt werden, vom Rest der Bevölkerung – kontaktlos oder mit Schutzkleidung.

Liste von Risikofaktoren

Einig sind sich alle Studien und Zahlen darin: Das Risiko steigt mit dem Alter. Menschen über 80 haben ein sehr hohes Risiko, bei einer Infektion mit dem Coronavirus einen schweren – oder gar tödlichen – Verlauf zu haben. Das Risiko bei allen Altersgruppen steigt bei Vorerkrankungen wie Herz-Kreislauf- Atemwegs- und Immunsystemerkrankungen. Und: mehrere Risikofaktoren wiegen schwerer als ein einzelner.

Quelle: Robert-Koch-Institut, Stand 14.4.2020

Vorerkrankungen, die einen schweren Verlauf begünstigen

  • Herz-Kreislauferkrankungen
  • Diabetes
  • Atemwegserkrankungen
  • Krebserkrankungen
  • Bluthochdruck
  • Geschwächtes Immunsystem
  • Lebererkrankungen

Weitere Risikofaktoren

  • Alter: Das Risiko steigt kontinuierlich mit dem Lebensalter an. Ab 50 ist man deutlich mehr gefährdet, über 80 hat man ein sehr hohes Risiko schwer zu erkranken – oder an COVID-19 zu sterben.
  • Möglicherweise Rauchen: Alles, was die Lunge belastet, erhöht wahrscheinlich das Risiko eines schweren Verlaufs.
  • Einnahme von immunsupprimierenden Medikamenten, z.B. Cortison
  • Männliches Geschlecht

Schnelle Rückkehr zur Normalität?

Ich weiß nicht, in welchem Maße es jetzt schon Sinn macht oder möglich ist, Beschränkungen wieder aufzuheben.

Ich verstehe den Wunsch, ja das dringende Bedürfnis, das Leben „vor Corona“ wieder aufnehmen zu können. Aber wir können nicht einfach zurückkehren zur gleichen Normalität – die Welt hat sich durch das Virus gewandelt.

Es erinnert mich ein bisschen daran, wie es mir mit meiner chronischen Erkrankung geht: Natürlich wünsche ich mir oft, ich könne einfach wieder so leben wie bevor ich krank wurde.

Letztlich aber nutzt mir dieser Wunsch oder das Ignorieren der Tatsachen wenig – oder hindert mich sogar daran, jetzt das beste aus meiner Situation zu machen.

Also sollten wir vielleicht auch als Gesellschaft noch mehr darüber nachdenken, wie wir, wo immer es möglich ist und so lange wie nötig, sichere Alternativen zum bisherigen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und sozialen Leben finden können.

Und wie wir trotzdem Familien und Unternehmen unterstützen können und unsere Freiheit in der Meinungsäußerung und Mitgestaltung wahrnehmen – aber währenddessen vor allem soviel über das Virus und die Dynamik in verschiedenen Ländern lernen wie möglich.

Jede Woche gewinnen wir neue Erkenntnisse.

Wir brauchen vor allem Zeit. Zeit, um genügend Testmaterialien, Wissen, Schutzkleidung, Atemgeräte, Medikamente zu produzieren. Zeit, um unsere Krankenhäuser vorzubereiten, und um zu verstehen, was hilft und was nicht – und welche Bereiche wir als erstes wieder öffnen können.

Alles, was wir jetzt lernen, wird zudem beim nächsten Aufflammen der aktuellen Pandemie oder bei der nächsten – die ganz sicher kommen wird – extrem hilfreich sein.

Ich denke, dass wir gerade wegen der Einschränkungen jetzt eine positivere Entwicklung der Lage haben, dass aber die Gefahr eines noch viel strikteren Lockdowns, wie derzeit in Spanien, droht, wenn wir nicht sehr vorsichtig sind mit der schrittweisen Öffnung des gesellschaftlichen Lebens.

Mein Freund Juan Carlos aus Spanien darf seit über vier Wochen nur kurz zum Einkaufen aus der Wohnung. Spazieren zu gehen oder draußen Sport zu machen, einzelne Freunde oder Familienmitglieder zu treffen – all das, was die meisten Menschen in Deutschland jetzt noch können – würde für ihn sehr viel Freiheit bedeuten.

Meiner Meinung nach wäre es klüger, uns noch möglichst lange diese, wenn auch begrenzte, Freiheit zu bewahren und dabei zu lernen, das beste daraus zu machen, als durch ein vorschnelles Aufheben der Maßnahmen eine noch viel restriktivere Situation – und zusätzliche Todesopfer – zu riskieren.

Aber wie auch immer entschieden wird: Es ist wichtig, realistisch zu bedenken, wer alles zur Risikogruppe gehört – oder den Kontakt zu dieser nicht vermeiden kann.

Schutz der Risikogruppen und Lockerung der Maßnahmen

Stimmen, die eine schnelle und radikale Aufhebung der Kontakteinschränkungen und Schutz der Risikogruppen durch noch stärkere Isolation fordern, klingen manchmal so, als müsse man nur einige BürgerInnen absondern und der Rest könne wieder zur Normalität zurück kehren.

Es ist aber wichtig, zu bedenken, dass auch junge und gesunde Menschen häufig Eltern, Kinder, Geschwister oder PartnerInnen haben, die zur Risikogruppe gehören.

Je nachdem, wen wir zur Risikogruppe zählen, ist die Isolation aller Risikogruppen kaum machbar. Und gerade sehr alte Menschen, die Vorerkrankungen haben und pflegebedürftig sind, sind auf engen Kontakt zu (mehreren) anderen Menschen angewiesen – darunter Eltern von schulpflichtigen Kindern.

Ein selbst gesunder, junger Lehrer hat vielleicht eine Partnerin mit einer Immunsystemerkrankung. Durch seine Rückkehr in den Schulbetrieb wäre auch seine Partnerin gefährdet – oder die beiden dürften sich monatelang nicht mehr sehen, müssten die gemeinsame Wohnung aufgeben.

Noch schwieriger ist es bei Menschen, die Angehörige pflegen oder für Eltern erkrankter Kinder – oder Kinder von Eltern mit Vorerkrankungen – hier kann gar nicht auf den regelmäßigen, engen Kontakt verzichtet werden.

Natürlich ist es wichtig, Familien zu entlasten und Kindern und Jugendlichen den Schulbesuch zu ermöglichen – genauso, wie wir wirtschaftliche Folgen – die ja auch konkrete soziale und damit gesundheitliche Auswirkungen haben – nicht außer acht lassen dürfen.

Eine offene Diskussion über die Maßnahmen und Einschränkungen und deren Sinn – und Dauer – ist wichtig.

Für eine sinnvolle Debatte muss aber erstmal klar sein, worüber wir diskutieren und womit wir rechnen müssen. Es stehen Menschenleben auf dem Spiel. Menschen werden leiden, ob unter der Infektion mit Corona oder Problemen, die sich aus der Überlastung des Gesundheitssystems ergeben – oder unter den zum Schutz der Bevölkerung ergriffenen Maßnahmen selbst.

Es wird daneben aber auch einige positive Effekte geben, wie die Verringerung der Luft- und Lärmverschmutzung – was sich auf die Gesundheit der Menschen auswirkt.

Werden aber die aktuellen Maßnahmen zu schnell und ohne wirklich gut darüber nachzudenken gelockert, ist zumindest eines klar: Die höhere Gefährdung von Risikogruppen ist unvermeidbar.

Wir diskutieren hier darüber, wie viele und welche Menschen sterben werden oder erkranken – und durch was. Das ist eine makabere, heikle und furchtbare Situation – und für viele trotzdem noch weit weg, solange man nicht selbst oder durch Angehörige betroffen ist.

Das Thema ist sehr emotional besetzt, auch für mich. Letztlich aber wird bei vielen Diskussionen vergessen, dass wir vor allem noch viel zu wenig über dieses Virus wissen.

Wir wissen noch nicht einmal, ob man sich nach einer überstandenen Infektion nach kurzer Zeit erneut anstecken kann – und welche Folgeschäden auftreten können.

Wir kennen noch nicht die genauen Zahlen und Berechnungen, die hinter der sogenannten Heinsberg-Studie stehen (Eine wissenschaftliche Studie, die verspricht, Aussagen darüber zu machen, wie hoch die tatsächliche Sterberate und die Anzahl an Menschen, die sich bereits angesteckt haben, sein könnte).

Diese und andere Faktoren zu kennen, ist aber extrem wichtig, um sinnvolle Entscheidungen zu treffen.

Jede einzelne Woche bringt neues Wissen und erhöht damit auch unsere Chancen, das Leben vieler zu retten.

Zum Weiterlesen

Coronavirus-Steckbrief des Robert-Koch-Instituts

Am Ende sind wir alle Risikogruppe – Artikel in der Zeit vom 13.3.2020

Hi, wir sind die Risikogruppe – Junge Menschen mit chronischen Erkrankungen – SWR online

Coronavirus: Wer besonders aufpassen sollte – Artikel bei der Apothekenumschau, 2.4.2020

Wer gehört zur Risikogruppe? – 24.3. Tagesschau.de

Warum COVID-19 für Männer gefährlicher ist – 27.2.2020 ntv.de

Why outbreaks like coronavirus spread exponentially, and how to “flatten the curve” Washington Post,  March 14, 2020

Die Fiktion der Kontrolle. Acht Punkte gegen die Vorstellung, man könne einen „Schutz der Risikogruppen“ bei „kontrollierter Durchinfektion“ erreichen – FlorisBiskamp

Coronavirus-Pandemie – Die Krise nachhaltig überwinden (PDF) – Leopoldina Nationale Akademie der Wissenschaften, 13. April 2020

Erste Resultate der Corona-Studie in Heinsberg – 9.4.2020 auf tagesschau.de

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