Juan Carlos, Spanien: „Unsere Krankenhäuser sind voll – noch mehr Kranke können wir uns nicht leisten“

Mann mit dunklem Sweater vor Gebirgslandschaft

Spanien ist nach Italien das am zweitstärksten von der Corona-Pandemie betroffene Land Europas. Was bei uns noch diskutiert wird, ist für Spanier seit dem 15. März Realität: Eine strikte Ausgangssperre. Außer für Beschäftigte in für die Infrastruktur wichtigen Berufen gilt: Das Haus darf nur noch zum Einkaufen und Hunde ausführen verlassen werden – oder um pflegebedürftige Angehörige zu versorgen.

Dr. Juan Carlos Illera ist Ornithologe aus Oviedo, Nordspanien und forscht zur Insel-Evolution von Vögeln. Der Beschluss der spanischen Regierung, eine strikte Ausgangssperre zu verordnen, überraschte ihn mitten in seinen Feldforschungen auf den Kanarischen Inseln.

In Teneriffa die Coronaviren-Krise zu verbringen klingt für viele in Deutschland zunächst sicher nicht nach der schlechtesten Option. Aber auch hier gelten die Ausgangsbeschränkungen. Zurück aufs spanische Festland zu reisen ist Juan Carlos nicht möglich. Und so sitzt er – allein – in seiner Wohnung auf Teneriffa fest.

Ich habe mich gestern Mittag mit ihm per Messenger über die aktuelle Situation unterhalten und für meinen Blog unser Gespräch übersetzt.

Juan Carlos, erinnerst du dich, wann du das erste Mal vom aktuellen Coronaviren-Ausbruch gehört hast?

Mh… (überlegt) ich denke, das war im Januar.

Konntest du dir zu diesem Zeitpunkt vorstellen, dass der Virus solche Auswirkungen auf Spanien bzw. auf Europa haben könnte?

Überhaupt nicht. Anfangs dachte ich, das Problem würde sich auf China beschränken… Jetzt ist mir klar, dass ich mit dieser Einschätzung ganz falsch lag.

In Spanien sind die aktuellen Ausgangsbeschränkungen durch die Regierung strenger als in Deutschland. Sind die Maßnahmen deiner Ansicht nach gerechtfertigt?

Ja, definitiv. In den südlichen Ländern Europas haben wir eine Kultur des engen persönlichen Kontaktes. Wir lieben es, uns zu küssen, uns zu berühren und uns zu umarmen. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass dieses Verhalten es sehr schwierig macht, die Verbreitung des Virus zu kontrollieren.

In Spanien ist es uns zum Beispiel auch nicht mehr erlaubt, Sport zu treiben, egal welchen. Dies ist – oder war bis jetzt – in den meisten europäischen Ländern noch erlaubt – sogar in Italien! Ich denke, dass das die Ausbreitung des Virus begünstigt hat.

Außerdem sind unsere Krankenhäuser hier in Spanien voll mit durch den Coronavirus erkrankten Menschen. Wir können uns nicht noch mehr Kranke in den Kliniken leisten. Durch jede Form von sportlicher Aktivität kann man sich Verletzungen zuziehen. Wir müssen verantwortungsvolle Bürger sein und zu Hause bleiben.

Heute habe ich erfahren, dass Italien gerade das Ausüben von Sport verboten hat. Das ist viel zu spät! Sie haben die Ausbreitung des Virus nicht gut begrenzt.

Außer, dass du keinen Sport treiben darfst – wie schränken dich die aktuellen Maßnahmen in deinem Alltag ein?

Ich muss im Haus bleiben. Wir dürfen nur nach draußen um Lebensmittel zu kaufen – oder um mit dem Hund raus zu gehen. Nur Beschäftigte in für die Infrastruktur wichtigen Bereichen wie Krankenhäuser, Supermärkte, Polizei, Warentransport und ähnliches dürfen das Haus verlassen um zu Arbeiten.

Wie fühlt es sich an, nicht raus zu dürfen?

Es ist ehrlich gesagt nicht leicht…. ich kann zwar immer noch mit meinem Laptop zu Hause arbeiten, aber ich vermisse es nach draußen zu gehen, meinen Lieblingssport zu machen, meine Freunde zu treffen, und so weiter.

Trotzdem kann ich mich glücklich schätzen. Es gibt Menschen, die in einer weitaus schlimmeren Situation sind. Zum Beispiel kann ich mir vorstellen, wie furchtbar es sein muss, gezwungen zu sein, 24 Stunden am Tag mit jemandem zusammen zu leben der einen misshandelt.

Oder Menschen mit Kindern, die 24 Stunden am Tag zu Hause bleiben müssen.

Ja, das ist richtig… und mit Kindern ist es sicher auch besonders schwierig, gerade für Familien die nur sehr kleine Wohnungen haben, keinen Garten oder ein großes Haus.

Gibt es irgendeine Möglichkeit solchen Familien zu helfen? Hilft die Regierung?

Nein, leider müssen wir zu Hause bleiben. Es gibt keine andere Wahl. Es ist unmöglich, all diese Fälle zu managen. Für Frauen, die mit Tätern zusammen leben, gibt es neue Hotlines um Hilfe anzubieten wenn nötig.

Es gibt ja viele Menschen die noch nicht einmal zum Einkaufen das Haus verlassen sollten – weil sie älter sind oder eine Erkrankung haben, die das Risiko eines schweren Verlaufs bei einer Infektion erhöht.

Gibt es genügend Solidarität untereinander, um in solchen Fällen zu helfen?

Ja, das ist ganz wichtig das zu erwähnen. Die Spanier sind sehr solidarisch. Was das angeht, reagieren die Menschen ganz fantastisch auf die Situation.

Daneben gibt es auch kleine Unternehmen, die ihre Produktion umgestellt haben – auf die Herstellung von Schutzmasken, Laborkitteln und solchen Dingen. Es ist sehr berührend zu sehen, wie die Menschen einander während dieser Krise helfen.

Hat die spanische Regierung etwas darüber gesagt, wie lange diese Einschränkungen gelten müssen?

Nun, das kommt auf die Entwicklung der Infektionskurve an. Vor zehn Minuten sagte unser Präsident, dass unser aktueller Status bis zum 13. April gelten wird.

Also müssen wir bis zum 13. April zu Hause bleiben.

Das könnte zu kurz sein….oder?

Ja, aber unsere Verfassung verlangt, dass solche Maßnahmen alle 2 Wochen neu beschlossen werden. Ich meine, es geht nicht, den Spaniern zu sagen, dass sie ab jetzt 2 Monate im Haus bleiben müssen.

Ich bin mir nicht sicher, aber wenn die Infektionskurve Ende kommender Woche zu sinken beginnt, könnte es vielleicht reichen.

Wir werden sehen…Unsere wissenschaftlichen Experten denken, dass die kommende Woche die Schlimmste sein wird. Gleichzeitig wird es dann aber auch besser werden.

Mh, meiner Meinung nach wird diese Krise noch länger andauern – aber ich stimme dir zu, dass es schwierig ist, exakte Vorhersagen zu machen.

Glaubst du, unsere Welt wird nach der Coronakrise eine andere sein? Und wenn ja, wie?

Ja. Zumindest unsere kleine Welt namens Europa… Wie? Das ist eine gute Frage… Eine kurze Zeit lang werden die Menschen noch versuchen den Sicherheitsabstand einzuhalten. Aber mit der Zeit werden wir vergessen, dass wir diese Situation durchgemacht haben.

Bezogen auf Prävention, denke ich dass Europa versuchen wird, seine eigenen medizinischen Ressourcen zu produzieren. Bisher kommt ja das meiste davon aus China und Indien.

Unglücklicherweise wird sich meiner Meinung nach nicht besonders viel ändern – wie zum Beispiel unser Respekt für die Natur und die Wildtiere.

Ich empfehle dazu, diesen Artikel zu lesen. Er beschäftigt sich damit, wie solche globalen Krankheiten entstehen… das ist sehr interessant… (schickt mir den Link zum Artikel)

The Ecology of Disease (New York Times).

Eine letzte Frage… gibt es etwas, was du den Darmstädtern raten würdest?

Ja, Bleibt zu Hause so oft es geht. Beachtet die Sicherheitsregeln wenn Ihr raus geht (wie Abstand zu anderen Menschen zu halten). Vermeidet alle Orte wo viele Menschen aufeinander treffen. Achtet immer gut darauf die Hände mit Seife zu waschen – und vor allem, habt Geduld. Wir werden diese Zeit überstehen.

Ich bleibe mit Juan Carlos in Verbindung und werde wieder über die Entwicklung in Spanien berichten.

Wir müssen zwar mehr Abstand halten – sind in der Krise aber alle gleichermaßen betroffen und gefragt, solidarisch zu denken und zu handeln.

Zum Weiterlesen

Mit der Vernichtung von Ökosystemen sind Pandemien wahrscheinlicher Interview auf Spektrum.de vom 25.3.2020

„Die Lage ist dramatisch – und aus Europa kommt keine Antwort“ Interview zur Lage in Spanien vom 30.3.2020 auf der Website des Deutschlandfunk

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